Dortmunder Bücherstreit

Geschwister

U. Moeske | H-D Koch | M. Brentzel | R. Booß

 

Liebe Freunde des Bücherstreits,

Wegen der Corona-Krise
gab es leider keinen 45. Dortmunder Bücherstreit.


Deshalb haben wir die Bücher über Mail, auf der Seite der Stadt-und Landesbibliothek und hier unten auf meiner Homepage vorgestellt.

Die Bücher können bei Litfaß leicht bestellt werden.
Telefonisch unter: 0231 - 49 66 66 -0 oder über die Homepage bestellen.
Die Bestellungen im Online-Shop werden direkt per Post nach Hause versendet. www.litfass-buecher.de

 

Der 46. Bücherstreit wird am 22. Oktober, 20 Uhr stattfinden -

Leider sind nur 20 Gäste zugelasen, ABER:

Hier ist der Link zu unserer Veranstaltung, heute ab 20 Uhr und später zugänglich:


https://www.youtube.com/watch?v=uR3AAlyFSKU&feature=youtu.be

 

Alle Bücher für den 46. Bücherstreit sind ausgewählt:

*Fang Fang: Wuhan Diary.
Tagebuch aus einer gesperrten Stadt.
Hoffmann und Campe.

Hochaktuell.  Eine chinesische Schriftstellerin erlebt 76 Tage des Eingesperrtseins.

*Colton Whitehead: Underground railroad. Hanser Verlag

Auch ein sehr aktuelles Buch über Sklaverei und Befreiung in den USA.


*Anna-Katharina Hahn: Aus und davon. Roman Suhrkamp

Stuttgart zur Jetztzeit: Die Mutter darf reisen - die Oma hütet ihre Enkel


* Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst Roman S. Fischer Verlag

Eine in der DDR geborene Tochter eines Nigerianers und einer Deutschen reflektiert ihr Leben


* Astrid Seeberger: Abschied von Bukarest. Urachhaus

 

Das waren die Neuerscheinungen vom Frühjahr:

Bachtyar Ali: Perwanas Abend.

Bachtyar Ali, kurdischer Schriftsteller, geboren 1966, bekam 2014 den Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund.
In der Begründung heißt es:
„Er erinnert als bedeutender Autor der islamischen Welt an die große orientalische Erzähltradition und schildert auf hochpoetische Weise eine unbekannte Welt: Das Schicksal der irakischen Kurden... - Bachtyar Ali geriet selbst in Konflikte mit der Diktatur seines Landes und floh in den Neunzigerjahren nach Deutschland.“ 

Perwana, ein junges Mädchen aus einem kurdischen Dorf, mutig, lebenshungrig, klug, hat keine Chance auf Entfaltung. Der Vater, die Brüder, aber auch die tyrannischen Hüterinnen von Sitte und Glauben sitzen ihr im Nacken. Hier ist kein Platz für ihre Talente und schon gar nicht für die Liebe. Junge Leute verschwinden aus der Stadt. Als auch Perwana verschwindet, bricht für ihre kleine Schwester Khandan eine Welt zusammen. Sie sucht Perwanas Spuren und erfährt vom verborgenen "Tal der Liebe" hoch in den Bergen, in dem die Paare ihre Hoffnungen erfüllen wollten. Doch auch das zauberhafte "Land der Liebe“ bleibt Utopie.
Bachtyar Ali gelingen Bilder von großer Eindringlichkeit.
Was grausame religiöse Gewalt mit einer Gesellschaft macht, führt er in selten drastischer Weise vor.
Ich habe das Buch mit großem Interesse gelesen. Die Welt, in die es uns führt, war mir total fremd. Es ist anstrengend und faszinierend zugleich, das Buch zu lesen. Lassen Sie sich drauf ein! Marianne Brentzel

 

Dave Eggers: Die Parade. Verlag Kiepenheuer &Witsch

Ein Straßenbauprojekt soll ein von einem Bürgerkrieg zerrissenes Dritte-Welt- Land einen. Mit einer supermodernen Maschine soll die Straße vom armen Süden des Landes bis zur Hauptstadt im Norden asphaltiert und das Bauende dann mit einer großen Parade gefeiert werden.
Zwei Leute sind für den Straßenbau verantwortlich. Vier ist der Maschinenführer. Er hasst alle Verzögerungen, die das zügige Arbeiten erschweren. Vier scheint nur für seine Arbeit zu leben. Das Leben der Leute interessiert ihn nicht. Ohnehin hat es die Firma untersagt, zu Einheimischen Kontakt aufzunehmen. Vier scheint ein gefühlloser empathiefreier Technokrat zu sein.
Neuns Job als unentbehrliche Hilfskraft ist es, auf einem Quad den Straßenabschnitt vor dem Asphaltierungeheuer von Gefahren zu befreien: Etwa von spielenden Kindern, streunendem Vieh und grobem Gestein. Neun ist neugierig auf Land und Leute und sucht den – verbotenen - Kontakt zu Einheimischen.
Vier empfindet die Einheimischen als Bedrohung, Neun als Bereicherung.
Zu dem ungleichen Paar gesellt sich als dritte Hauptperson Medaillon, ein Einheimischer, von Vier äußerst misstrauisch beäugt, der sich aber in der komplizierten Situation, in die Neun sich, seinen Chef Vier und das ganze Unterfangen gebracht hat, als wirksamer Problemlöser erweist.
„Die Parade“ ist ein konfliktreiches schnelles road movie, das trotz humoristischer Passagen ebenso tiefschwarz endet wie der früher im Bücherstreit besprochene „circle“.
Pessimist Eggers erzählt in knappster Form von Konflikten der Weißen mit der Dritten Welt, von der zweifelhaften Rolle der NGOs und vom Zwiespalt der Einheimischen zwischen Tradition und Moderne.
Nach einer 25tägigen Äthiopien-Reise im Januar 2020 habe ich dieses Buch mit ganz besonderem Genuss gelesen.
Rutger Booß


Aris Fioretos: Nelly B`s Herz. Hanser Verlag

Wenn das Herz nicht mehr kann oder will, findet frau neue Wege. Nelly  (dahinter versteckt sich Melli Beese, die erste Frau in Deutschland mit einem Privatpilotenschein) ist in den 20er Jahren Deutschlands bekannte „fliegende“ Frau  und betreibt eine Pilotenschule in Berlin. Als das Herz nicht mehr mitspielt, bricht eine Welt zusammen. Nelly orientiert sich um. In der neuen Welt verschiebt sich fast alles, auch die Liebe. Aber es läuft nicht rund (wie auch) und so gerät die Heldin des Romans immer tiefer in eine letztendlich ausweglose Lage, gekennzeichnet durch Drogen, Medikamentenmißbrauch, Einsamkeit, Suizidgedanken, gelegentlich überdeckt und unterbrochen durch heitere und hoffnungsvoll Momente.
Der Autor unterlegt die Liebesgeschichte zweier Frauen mit Aspekten und Schilderungen der spannenden 20er Jahre in Berlin. Der Aufbruch der Frauen in dieser Zeit ist bekannt und historisch belegt. Eine neue Zeit abseits der Beschränkungen des wilhelminischen Kaiserreiches gibt Freiheit und Lebensfreude. Da ist nun Platz für neue Ideen, neue Wege und bisher unbekannte Vergnügungen, auch der gefährlichen Art. Aber gesund sollte man sein, was Nelly nicht ist.
Aris Fioretos zeichnet eine Biographie, verbunden mit einem Zeitbild. Spannend und flüssig zu lesen versetzt man sich in Nelly, erlebt Freud und Leid, versteht die Welt oder auch nicht mehr und erkennt am Ende, dass der Mensch eben nicht nur ein technisch funktionierendes Lebewesen ist, sondern dass auch die Psychologie ihren Platz behauptet.
Ulrich Moeske

 

Michael Kumpfmüller: Ach, Virginia. Kiepenheuer & Witsch
Es ist Krieg. Deutsche Bomber über London. Virginia Woolf und ihr Mann Leonard haben sich in ein Haus auf dem Land zurückgezogen. Sie hat gerade ihren letzten Roman beendet und fällt nun in eine tiefe Depression. Nicht zum ersten Mal.
Jetzt will sie ihrem Leben ein Ende setzen. Der Abschiedsbrief an den Ehemann ist schon geschrieben. Der Weg zum Fluss ist kurz. Aber der Versuch sich zu ertränken scheitert. 10 quälende Tage noch.
Angst hat sie vor den Nächten, in denen die Geister der Vergangenheit sie bedrängen. Der übermächtige Vater, vor allem ihre beiden Halbbrüder, die sie als kleines Mädchen möglicherweise missbraucht haben. Von ihrer Familie ist ihr nur Vanessa geblieben, die sie besucht, die ihr schreibt, die ihr rät. Aber die sie nicht versteht.
Keiner versteht sie. Auch Leonard nicht, der in 30 Jahren Ehe immer gut zu ihr war, ruhig, beschützend, ihre körperliche Ablehnung hingenommen hat. Konnte es einen besseren Mann geben, eine glücklichere Ehe? Aber war diese Ehe nicht auch eine Falle, ein Gefängnis mit Leonard als Wächter?
Es gab glänzende Momente in ihrem Leben: berühmt, reich, der Mittelpunkt der Salons. Allen turmhoch überlegen und gnadenlos darin, es Alle spüren zu lassen. Ist sie so selbstsüchtig, in sich selbst verliebt geblieben – auf Kosten anderer?
In der Beziehung zu Vita, der einzigen leidenschaftlichen Liebe ihres Lebens,  war sie jedenfalls eher das Opfer, die oft Enttäuschte, schließlich Verlassene.
Immer wieder die Frage, ob ihre Romane wirklich gut waren. Leonard liest ihr eine Passage vor. Doch, es gefällt ihr, was sie hört.
Von Tag zu Tag schildert Kumpfmüller den Persönlichkeitsverfall der Autorin. Ihre Angst, dass sie völlig verrückt wird, in der Irrenanstalt landet. Das muss sie verhindern. Der Fluss wartet auf sie.
Über 230 Seiten wendet Michael Kumpfmüller auf, um die Gefühle, seelischen Erschütterungen, Gedanken Virginia Woolfs in ihren letzten 10 Tagen zu erzählen. Eindrucksvoll kunstfertig. Aber es bleibt Unterstellung. Die Wirklichkeit kann viel banaler gewesen sein – oder viel größer.
Horst-Dieter Koch

Fran Roos: Oreo. dtv

Wissen Sie, was ein Oreo ist? Das ist dieser kleine schwarze Keks mit weißer Füllung – genau, so ähnlich wie Prinzenrolle, aber eben umgekehrt; ein Keks in einer blauen Verpackung; aus den USA kommt er ursprünglich.
Oreo, so heißt auch das Buch von Fran Ross, welches bereits 1974 – also in einer ganz anderen und noch viel stärker von der Bürgerrechtsbewegung geprägten Zeit – geschrieben und in Amerika veröffentlicht wurde. Die Übersetzung ins Deutsche von der wirklich genialen Pieke Biermann und die Veröffentlichung bei dtv, mitsamt Nachwort des Essayisten Max Czollek, erlebt Fran Ross, geboren 1935 in Philadelphia, nicht mehr mit: Sie ist bereits 1985 verstorben.
Oreo, eigentlich Christine, ist die Tochter einer afroamerikanischen Mutter und eines jüdischen weißen Vaters, der sich aus dem Staub gemacht hat, und über den die Protagonistin daher kaum etwas weiß. Der Text beschreibt die Suche Oreos nach ihren Wurzeln und nach ihrer Identität zwischen schwarz und weiß.
Das Buch hat zwei Teile: Troizen – wie der Geburtsort des antiken Helden Theseus, eine wichtige Referenz im Text – und Mäandern – hier geht es um Suche nach dem Vater in New York. Wir begleiten Oreo in den Waschsalon, in die Sauna, in die U-Bahn, in die Bibliothek und sogar zu den GI.
Das Ganze geschieht zwar chronologisch, so dass man der Handlung im Großen und Ganzen folgen kann – aber trotzdem ist dies ein wirklich außergewöhnlicher Text und keineswegs die Nacherzählung einer Suche nach einem Angehörigen. Er strotzt vor Sprachspielen und Experimenten im Ausdruck, vor Verweisen, vor jiddischen Wörtern, auch vor Absurditäten – ein wirklich „postmoderner“ Text, wenn man das so sagen kann (zu meinen Studierenden würde ich das genauso sagen). Er ist witzig, wenn auch an einigen Stellen eher vulgär.
Trotzdem: Um Siri Hustvedt, die auf dem Cover zitiert wird, wiederzugeben: „Ich habe ständig laut gelacht.“ 

Julia Sattler

 

Und die Tipps:

Ulrich Moeske:
Daniel Mason. Der Wintersoldat. C.H. Beck Verlag 2020
Als 1914 der erste Weltkrieg ausbricht, ist Lucius ein hochbegabter, mit viel theoretischem Wissen ausgestatteter Medizinstudent in Wien. Auch ihn zieht es in den Krieg und er landet im kalten Winter 1914 in einem Behelfslazarett in den Karpaten an der österreichischen  Ostfront. Was dort abläuft, ist für Lucius kaum zu ertragen. So hat man sich den Krieg und seine unmittelbaren Folgen nicht vorgestellt. Krankenschwester und Nonne Margarete bringt ihm die Praxis bei, die schmerzhafter ausfällt als alle Theorie.
Daniel Mason hat ein Antikriegsbuch geschrieben, ohne die Leserschaft zu verschonen. Man ist „mittendrin“, ohne dass man sich das Grauen so wirklich vorstellen kann. Überleben kann man in einer solchen Lage nur durch Solidarität, gegenseitige Hilfe, Verlässlichkeit und durch die Liebe. Personen, die Lucius im Lazarett kennen und schätzen lernt, retten ihn später aus eine schier ausweglosen Situation. Die Liebe jedoch scheint an den kriegerischen Verhältnissen zu scheitern.
Zurückgekehrt nach Wien findet Lucius eine Stadt im Epizentrum der Katastrophe, besonders nach dem Tod Kaiser Franz Josefs. Die sogenannte Wiener „Gesellschaft“ zerfällt genauso wie die KuK-Monarchie. Derweil versucht Lucius, seine Liebe wiederzufinden.
Ausgesprochenes Lesefutter. Man erkennt: Auch „gute“ Literatur kann lesbar sein. Spannend bis zur letzten Seite.

Julia Sattler:
Ocean Vuong, Auf Erden sind wir kurz grandios
Ocean Vuong kenne ich eigentlich als Lyriker – Texte aus seinem inzwischen auch bilingual erschienenen Bändchen Night Sky with Exit Wounds/ Nachthimmel mit Austrittswunden unterrichte ich regelmäßig.
Auf Erden sind wir kurz grandios ist der Debütroman Vuongs, Sohn vietnameischer Einwanderer in die USA. Es ist der Brief eines Sohnes an die Mutter, die ihn jedoch als Analphabetin, die nur rudimentär die englische Sprache beherrscht, nie lesen wird. Es geht um Familie, um Gewalt, um das anders Sein – das alles ein einer sehr poetischen Sprache: grandios, im Original wie auch in der Übersetzung Anne-Kristin Mittags.

Marianne Brentzel :
Ken Krimstein: Die Drei Leben der Hannah Arendt. dtv
Hannah Arendt: streitbare Jahrhundertdenkerin, war auf  einschüchternde Weise klug. 1933 musste sie aus Nazi-Deutschland ins Exil fliehen, zunächst nach Paris, später dann in die USA. Von dort aus wurde sie zu einer der großen Denkerinnen unserer Zeit. 'Die drei Leben der Hannah Arendt' skizziert rasant und liebevoll ihren Lebensweg.
Es ist eine graphic novel, ein Genre, das ich sonst gar nicht schätze, aber bei dieser Variante bin ich völlig begeistert und kann der großen Denkerin fasziniert folgen.